Hebammen fordern Gesundheit von Anfang an

HEBAMMEN

Die Hebamme ist eine Frau. Auch wenn es heute einige Männer gibt, die den Hebammenberuf ausführen, ist die Hebamme traditionell und funktionell eine Frau, die durch ihr eigenes Frau-sein die Intimität mit anderen Frauen teilen kann. In früheren Zeiten war die Hebamme eine reife Frau, häufig eine Witwe, oder eine Frau mit erwachsenen Kindern – lebenserfahren – die ihren Beruf aus Leidenschaft und Mitleid ausführte, häufig ohne Lohn. Ihre Eigenschaften waren Mut, Kraft, Weisheit, Unabhängigkeit, Entscheidungsfähigkeit, Wissen.  Mit der Akademisierung der Geburtshilfe, werden die ersten Schulen für Hebammen eingerichtet, von Ärzten geführt.  Die Hebammen werden jung ausgewählt, unerfahren, ohne eigene Kinder. Ihre moralischen Eigenschaften sind nun andere: sie sollen ehrbar, bescheiden und mässig sein, mit guten Sitten, keusch und dezent, anpassbar. Sie werden angestellt, bezahlt und müssen ihren Vorgesetzten ihr Tun rechtfertigen. Der Beruf ohne medizinische Ausbildung wird verboten und damit werden die alten erfahrenen, eigenständigen Hebammen abgesetzt. Die Ärzte übernehmen die Kontrolle über die Hebammen, ihr Wissen und Handeln und über die Geburtshilfe. Von Seiten der gebährenden Frauen waren diese jungen gebildeten Hebammen nicht gut angesehen und so lange wie möglich suchten sie die alten Wehmütter auf, wie sie von da an verächtlich genannt wurden.

Seither existiert ein Konflikt im Berufsbild der Hebamme, der gleiche Konflikt, der auch in den Frauen lebt: ein Konflikt zwischen dem inneren, weiblichen Modell der Frauenzyklen und des Gebärens und einem äusseren kulturellen, männlichen Modell der Organisation der Geburtshilfe.

Es ist ein schmerzhafter Konflikt, den Frauen und Hebammen miteinander teilen: ein Konflikt zwischen zwei grundsätzlichen Lebensinstinkten: dem Instinkt der Zugehörigkeit zu einer Gruppe die uns erkennt und anerkennt und dem Instinkt der Selbstverwirklichung als Individuum. Der Gruppeninstinkt will das machen was die Mehrheit macht und was von der Gesellschaft anerkannt ist und als richtig befunden wird, der Eigeninstinkt will das tun was die Person selbst als tief richtig empfindet. Die Medikalisierung der Geburt hat diesen Konflikt genährt, da er immer weiter weg führt vom instinktiven körperlichen weiblichen Modell.

Die Dynamik zwischen diesen beiden Bedürfnissen hat mit dem Alter zu tun: in der Jugend ist der Gruppeninstinkt sehr stark, mit dem wachsenden Alter wird der Eigeninstinkt immer stärker. Die jungen Hebammen und Frauen haben mehr Schwierigkeiten, sich einem System zu widersetzen, das gegen sie selbst geht, oder sie brauchen eine gleichgesinnte Gruppe dazu, die sie stärkt. Die jungen Frauen, die Mütter werden, fühlen sich ausgesetzt, wenn sie gegen die Gruppe gehen, mit Angst-vor-Strafen-Gefühlen, die wir auch auf die Inquisition zurückführen können.

Während des Mutterwerdens, geht die Frau durch eine Öffnungsprozess hindurch, der ihr erlaubt, ein Kind durch sich hindurch gehen zu lassen. Dadurch wird sie verletzlich und schutzbedürftig, auch wenn sie gleichzeitig in ihrem höchsten Power ist. Die Gesellschaft, die Technologie, die Experten bietet ihr Schutz an, um sie dann paradoxalerweise zu verletzen.

Sie bieten einen chirurgischen Weg der Eröffnung an und verstümmeln dabei die Frau in ihrer stärksten Kraft.

Die Hebammen gehen einen ähnlichen Weg: sie ziehen sich zurück in den Kreissaal, in die Schichtarbeit, fühlen sich dort von den Ärzten beschützt (weniger Verantwortung) und werden gleichzeitig von ihnen verletzt, indem sie sowohl ausgesetzt als ihres Berufes beraubt werden.

In Italien richten die Hebammen, die in hoch technologischen Kliniken arbeiten, ihre Frustration und Wut gegen die Frauen, die nicht mehr ansprechbar auf Hebammenbetreuung sind und nur die PDA oder den Kaiserschnitt wollen, ohne sich dabei bewusst zu sein, dass eben sie die Frauen allein gelassen haben in den Händen der Ärzte, die nur ihre Arbeit tun.

Dadurch wächst auch ein Konflikt zwischen Ärzten und Hebammen, der eher als ein Konflikt zwischen zwei gegenübergesetzten Modellen verstanden werden sollte. Ich denke dass er nur saniert werden kann, wenn die Hebammen eine eigene spezifische, vom medizinischen Modell unabhängige Berufsidentität entwickeln und praktiziern.

Dann kann jeder wieder die Stelle einnehmen die ihm gebührt und es kann sich ein fruchtbarer Dialog entwickeln.

 

HEBAMMEN FÖRDERN

Ja, was ist denn eigentlich die Identität der Hebamme?

Alle Berufsprofile sagen es deutlich, sie ist diejenige die fördert: die Gesundheit, die Frauen, das Bewusstsein, das Wissen, die Familie, die Kultur über natürliche Geburt. Sie begleitet und stärkt die Frauen in ihrem Verlauf  im Mutterwerden, sie ist Referentin für den ganzen Verlauf, von Anfang an bis mindestens zum Ende des ersten Lebensjahres.

Und dennoch heisst „Professionalisierung“ heute „mehr Technologie“, Kreissaal. Dabei geht es um soziales Prestige, um soziale Anerkennung.

Die eigentliche professionelle Kompetenz der Hebamme, im spezifischen Sinn von „Frauen fördern“ hat nicht nur wenig Prestige (mit Ausnahme der Gruppen der Eingeweihten) sondern wird  immer wieder in den Untergrund geschoben. Und das trotz klaren wissenschaftlichen Beweisen über die Effizienz der Hebammenbetreuung.

Die politische Wichtigkeit dieses Berufspotentials ist total unterbewertet und überdeckt von ökonomischen Interessen. Es kommt nur da hervor, wo die Hebamme ihren Eigenwerten den Vorrang gibt.

Ich möchte versuchen, dieses Potential zu beschreiben und die Linien eines neuen Betreuungsmodelles zu zeichnen, das auf Salutogenese, Gesundheit, Beziehung und Frauenwissen gründet.

 

GESUNDHEIT

Was ist Gesundheit

Vom physiologischen Gesichtspunkt her kann Gesundheit als die Fähigkeit beschrieben werden, auf die stetigen Anregungen von innen (Körper und Psyche) und von aussen (Umwelt, Beziehungen) so zu reagieren, dass sich die Oszillationen zwischen den Polaritäten (Gegensätzen) in einem begrenzten Raum abspielen. Bewegung und Reaktionsfähigkeit sind dabei Schlüsselworte. Bewegung ist Gesundheit. Statik ist Krankheit, Gefahr, auch hormonell gesehen (Kortisol).

Antonowsky spricht von einem Kontinuum von Gesundheit und Krankheit, in dem wir uns ständig bewegen, wie von einem Kreis mit zwei entgegengesetzten Polen. Der ganze Kreis ist Gesundheit, die Bewegungen darin führen von einem Pol zum anderen, aber mit guten Ressourcen ist die Oszillation der Mittellinie näher als den einzelnen Polen. Das bedeutet, dass auch gewisse Krankheiten oder Symptome Teil dieser Oszillation sind und dazu dienen, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Die Fähigkeit, die inneren Ressourcen anzuregen erhält die Bewegung aufrecht und führt immer wieder in Richtung der Polarität Gesundheit.

Diese Art zu denken hat unmittelbare Konsequenzen für das Risikokonzept: Die salutogenische Hebamme, in Gegenwart eines Symptoms denkt nicht zuerst ans Risiko: „was ist die Gefahr für diese Frau, oder dieses Kind“, sondern: „ wie und wo sind ihre Ressourcen, wie kann ich sie anregen, wo sind Zeichen der Gesundheit“.

Der Reproduktionsprozess ist sehr stark und mit vielen Ressourcen beschützt, sie kennen zu lernen durch die Physiologie und sie anregen zu wissen, ist Hebammenkunst.

 

Schwangerschaft und Geburt als gesundheits-schaffende Ereignisse

Wir gehen von einer gesunden Frau aus. Das Kind regt vom Moment der Zeugung die Mutter sehr stark an, sowohl körperlich: es nimmt alle ihre Organe und Funktionen in Anspruch, als auch psychisch: es zieht die ganze psychische Kraft auf sich und löst einen tiefen Prozess der Veränderung aus. Ein biologischer Rhythmus beginnt, der seine genauen Zeiten schon vorprogrammiert hat. Die Oszillationen vertiefen sich und auch die Reaktionsfähigkeit der Frau vertieft sich, vor allem wenn sie sich aktiv den neuen Bedürfnissen anpasst. Die inneren Ressourcen wachsen und bereiten vor auf die Geburt, dem tiefsten der Lebensrhythmen. Die Geburt, aktiv erfahren mit dem Wehenschmerz bereitet auf die Rhythmen des Lebens mit dem Kind vor, auf die innere Öffnung für das Kind und gibt die notwendige Kraft dazu.

In diesem sich Vertiefen der Bewegung ist es häufig, dass zeitweise Unsicherheiten Ängste, Beschwerden auftreten, das kennen alle Hebammen. Solange sie rhythmisch auftreten, bedeuten sie keine Gefahr für Mutter und Kind.

Wenn aber die Schwierigkeiten unterstrichen werden, ist eine pathogene Entwicklung gesichert. Unter pathogener Entwicklung verstehe ich auch die Unfähigkeit, eine normale Geburt anzugehen.

Wenn hingegen die Ressourcen und die Anpassungsfähigkeit gestärkt werden und die ersten Eingriffe nicht medizinisch sind (ausser Notfälle), dann kann die Gesundheit entwickelt werden und damit die Möglichkeit, zu gebären. Zur Hebammenkunst gehören Arten und Weisen, die Ressourcen zu stärken.

Das Vertiefen der Rhythmen, das in der natürlichen Geburt seinen Höhepunkt hat, gibt dem Kind das Gepäck für den Anfangsstart im Leben und stärkt seine Anpassungsfähigkeit, gibt der Frau eine bessere Möglichkeit, auf die Oszillationen des Lebens zu reagieren. Auch ihre orgastische Fähigkeit in Leben und Sexualität wird vertieft, im Sinne von W.Reich, der sie folgendermassen definiert:  Die orgastische Potenz ist die Fähigkeit, sich ohne Hemmungen dem Fluss der biologischen Energie hinzugeben, die Fähigkeit, die angesammelte Spannung durch unwillkürliche Kontraktionen des Körpers zu entladen und die angestaute Energie in den Körper zurückfliessen zu lassen, was als tiefe Befriedigung erlebt wird.

 

Das Kampf – Flucht Verhalten

Um die Probleme der Geburtshilfe, die von den kulturellen Einflüssen entstehen bis zu ihrer Degeneration, etwas besser verstehen zu können, kann ein kurzer Einstieg in die Physiologie einige Schlüssel anbieten.

Der Reproduktionsprozess ist ganz stark geschützt vom instinktiven, genetisch angelegten Kampf – Flucht System. Es wird besonders aktiv in dieser Zeit, nicht nur in der Mutter, die das Kind trägt, sondern auch in allen Personen, die mit ihr in Kontakt sind.

Das Kampf – Flucht System reagiert intuitiv auf Gefahrsignale, die das Überleben bedrohen könnten und bereitet instinktive Handlungen vor, um ihr zu entrinnen.

Die Reaktionen von Kampf oder von Flucht können beide funktional sein, wenn sie das Überleben sichern. Bis vor kurzer Zeit sind die Kampfreaktionen nur in Männern studiert worden und in den Tierversuchen nur auf männlichen Tieren. Deshalb ist die Kampf Reaktion  mit Aggressivität und Angriff identifiziert worden. Die Frauen sind nicht dazu erzogen, diese Waffen zu brauchen, ihnen ist die Fluchtreaktion  näher gelegt worden.

Shelley Taylor hat mit diesem Vorurteil aufgeräumt und gezeigt, dass Frauen verschiedene und unterschiedliche„Kampfreaktionen“ haben und dass ihre hormonellen Antworten auf Angriff, Stress sich häufig von denen der Männer unterscheiden. Während Männer unter Stress Katekolamine produzieren, sich isolieren und das Problem direkt angreifen, produzieren die Frauen im fruchtbaren Alter meistens Oxytocin und Prolaktin als Stressantwort, suchen dadurch die Verbindung mit anderen Frauen und haben ein Betreuungsverhalten, ausser ihre Jungen werden bedroht, dann können sie angreifen wie ein Mann. Diese Reaktionen (tend and befriend) sind der Steinzeit angepasst, wo die Frauen die Jungen beschützen müssen, und das geht besser in der Gruppe, wie das die Elefanten zeigen.

Während der Geburt, unter dem Stress der Wehen und dem Angriff vom Kind auf die mütterlichen Gewebe, ist die „Kampfreaktion“ die einzig angezeigte, um der Gefahr zu entrinnen. Sie besteht darin, sich zu öffnen und das Kind gehen zu lassen. Nur das sichert das Überleben von beiden: Mutter und Kind. Deshalb werden mit jeder Wehe die Oxytozinwellen höher und höher: die Frau öffnet sich dem Kind mehr und mehr, gibt sich hin. Dadurch wird sie verletzlich, die „Gefahr“ kommt nun auch von der Umwelt. Eine ungeschützte Umgebung wird als solche empfunden und kann Fluchtreaktionen auslösen (die Frau schliesst sich), die wiederum das Kind in Gefahr bringen.

Versuchen wir, dieses physiologische System analog als Symbol für die kulturellen Prozesse anzuwenden: sicher weckt in unserer Gesellschaft das Wort „Geburt“ oder die Gegenwart einer Gebärenden Angstgefühle, Gefühle von Bedrohungen, Urängste, wovon zum Teil das Risikodenken kommt. Einer Gebärenden gegenüber fühlt sich tiefgründig jeder Geborene als machtlos, sogar bedroht in seiner persönlichen Existenz, indem er instinktiv weiss, dass in der Macht der Frau, das Leben zu geben, implizit die Macht ist, auch das Leben zerstören zu können. Nur das Urvertrauen ins Leben kann diese Angst ersetzen und das wird im Moment des Geborenwerdens geprägt für immer. Die jahrzehntelangen Trennungen von Mutter und Kind gleich nach der Geburt haben Verlassungs- und Bedrohungsängste sehr verbreitet.

Während der Geburt steigt in den Anwesenden die Spannung ums Geburtsgeschehen stetig an und bereitet vor für eine Handlung.

Wird die Geburt als bedrohlich erlebt, ist die männliche Handlung aggressiv und die weibliche ist oft eine Art Bemutterung, die aber der Frau keine Freiheit lässt.

Handeln bei der Geburt ist eine Art, die Spannung abzuladen. Viel Angst ist ja auf das Hervorkommen vom Kind ausgerichtet, also auf eine Projektion von sich selbst. Eigene Geburtsängste können leicht aktiviert werden.

Wird die Geburt als positives Ereignis der Gesundheit interpretiert kann die Spannung anders abgeladen werden, nämlich durch Hinwendung und Teilen der Erfahrung mit anderen Frauen. Auch der Mann kann in einem als normal interpretiertem Geburtsgeschehen seine aggressiven Reaktionen ablegen zugunsten unterstützenden Handlungen (Prolaktin statt Adrenalin).

Auch die Frauen sind heute von der Geburtsangst besetzt. Schon seit mindestens zwei Generationen werden die Geburten medikalisiert, das heisst mit unproduktivem Schmerz belegt. Die Geburtserfahrungen, die sozial mit-geteilt werden sind selten positiv. Die Risiko-Gesellschaft lässt alles fürchten, was nicht direkt kontrollierbar ist. Das innere Wissen über die Geburt ist verloren gegangen, verschüttet unter Kulturmüll. Die meisten Hebammen, die Vermittlerinnen dieses Wissens sein könnten, sind verschwunden im Kreissaal und haben es dort auch verloren. Die Frauen haben keine „Waffen“ mehr, um mit einem offenen Verhalten in das Mutterwerden hineingehen zu können und die Gesellschaft schützt sie nicht mehr, so dass sie sich gefahrlos öffnen können. So wird das Fluchtverhalten dominant.

Fluchtverhalten heisst abgeben an andere, den Prozess unter rationale Kontrolle bringen. Der Körper und die Psyche schliessen sich, halten das Kind zurück. Die Medizin rettet es dann, durch den Schnitt. Aber kann ein Kind mit einer geschlossenen Mutter gedeihen? Kann eine Frau, die mit Gewalt geöffnet wurde, sich selbst und anderen vertrauen? Was gibt sie an ihre Töchter und Söhne weiter?

 

Das Potential von Ekstase und Trauma

Diese zwei Richtungen: sich öffnen, sich schliessen, machen aus einer der intensivsten Erfahrung des Lebens eine Erfahrung, die sowohl zu der Polarität der Krankheit als auch zu derjenigen der Gesundheit  führen kann: die Geburt kann sowohl als Trauma als auch als Ekstase erlebt werden. Ich erwähne diese beiden Möglichkeiten als Teil des Kontinuums Gesundheit, da auch aus traumatischen Geburtserfahrungen Gesundheit entstehen kann, insofern sie erarbeitet werden, und damit neue  Ressourcen angeregt werden.

Das Potential der Geburt bewegt sich zwischen „Himmel und Hölle“, häufig macht die Frau Erfahrungen von beiden Dimensionen. Ich sehe die Aufgabe der Hebamme sehr stark darin dass sie sich bemüht, die „Himmelsseite“ vorwiegen zu lassen, damit die „Höllen Aspekte“ mindestens kompensiert werden, nicht im Sinn von Idealisierung der Geburt, sondern in der Dynamik des Lebens. Das negative  Potential wird üblicherweise sehr viel stärker genährt als das positive Potential und die uralte Angst vor der Frauenkraft will die ekstatische Seite des Gebärens und Kinderhabens verstecken. In diesem Sinne soll sie wieder geweckt und gefördert werden.

 

Was ist Sicherheit

Für das medizinische Modell ist Sicherheit in der Kontrolle über die Frau und ihren Bauch. Dazu braucht es Maschinen die analysieren, hineinschauen. Im Zentrum der Betreuung stehen die   medizinischen Fachpersonen und die Diagnose. Dass die Medizin ziemlich ohnmächtig den Problemen der Schwangerschaft gegenüber ist, wird überdeckt mit leeren Versprechen und High -Tech -Reproduktionsmedizin, die diese wieder als allmächtig erscheinen lässt.

Für das Hebammen Betreuungsmodell bedeutet Sicherheit eine Frau, die in Kontakt mit sich selbst ist.

Die Frau ist also im Zentrum und die Betreuung besteht prioritär aus Wegen, die Frau mit sich selbst in Kontakt zu bringen. Die physiologischen Prozesse bewirken, dass jede Mutter immer weiss, was mit ihrem Kind geschieht und immer vorbereitet wird über ihr Schicksal durch ihre intuitiven und instinktiven Kompetenzen. Für eine Hebamme bedeutet Sicherheit, die physiologischen Prozesse in Gang zu halten und zu harmonisieren und mit der Frau in einer Beziehung zu sein, in der das Vertrauen zulässt, dass die Frau sich mit ihr öffnet. Das braucht Zeit.

Für die gesunde Frau ist Adaptation Sicherheit. Die physiologischen Rhythmen der Schwangerschaft zu unterstützen, heisst, die „Waffen“ zu erarbeiten, die sie brauchen wird zum Gebären und um das Kind zu betreuen. Sie selbst ist ein genaueres Labor als alle chemischen Untersuchungen. Aber diese Sicherheit muss sie heute suchen und den Weg dahin wieder öffnen. Wer hilft ihr dabei?

 

Die Mutter Kind Beziehung

Mutter und Kind sind heute getrennt, von Anfang an. Das Embrio wird schon als Individuum behandelt und man spricht von Rechten des Fötus. Ich glaube das einzige Recht des Embryos und Fötus ist das Recht auf seine Mutter, eine Mutter die aufgehoben ist in einem sorgenden Kontext. Die Symbiose Mutter – Kind kann nicht übergangen werden, da ein Kind nur werden kann, indem es Teil vom Körper und der Seele der Mutter wird, die es zuerst „verschlingt“ und dann als Person nach und nach langsam in die Welt gehen lässt. Erst wenn der Embryo in die Schleimhaut der Gebärmutter eingetaucht ist, beginnt er sich zu entwickeln. Und dieses Eintauchen und Wurzeln bilden dauert bis mindestens sechs Monaten nach der Geburt. In dieser Zeit muss die biologische und psychische Einheit zwischen Mutter und Kind geschützt und gefördert werden. Es ist der Boden auf dem ein Kind gedeihen kann. Heute ist viel bekannt über die Wichtigkeit dieses Konzeptes für das ganze zukünftige Leben, wir werden nochmals darauf zurückkommen.  In dieser Einheit, an die sich die Hebammenbetreuung wendet, werden die einzelnen Personen, die Mutter und das Kind, auch in ihren individuellen Aspekten angesprochen.

Die Mutter ist ein Sicherheitselement für das Kind. Ihr Körper ist fähig, den Kindeskörper zu regulieren und sie vermittelt ihm die Möglichkeit der Anpassung, insofern die physiologische Symbiose geschützt und erhalten bleibt über die Geburt. Ihr psychischer Schoss  hält das Kind und hilft ihm, sich in seinen Gefühlen zu regulieren und anzupassen. Das gibt ihm den sicheren Grund, auf dem es Gesundheit und Gesellschaftsfähigkeit aufbauen kann. (Bowlby, Ainsworth ecc.)

Um diese grosse Arbeit leisten zu können, muss die Mutter aufgehoben sein in einem familiären und sozialen Netz der Unterstützung.

Die Arbeits- und Lebensrhythmen erlauben heute den Frauen selten genügend Raum, um in diese Beziehung hineinzuwachsen und wieder fehlt die Hebammenbetreuung,  in den neun Monaten vor und nach der Geburt.

 

Die Reaktivität

Sich aktiv anpassen an die Veränderungen, die das Mutterwerden mit sich bringt, bedeutet nach innen und nach aussen zu reagieren. Reaktive Frauen sind nicht erwünscht. Deshalb wird die Reaktionsfähigkeit unterdrückt, von Kindheit an. Nach Antonowsky kommt die Reaktionsfähigkeit vom Kohärenzgefühl, das wiederum von drei grundsätzlichen Erfahrungen abhängig ist: die Vorhersehbarkeit, die durch Wiederholungen und Erfahrungen erlangt wird und mit dem inneren Wissen zu tun hat, die Handhabbarkeit, die mit der Fähigkeit, mit dem Geburtsereignis umgehen zu können, „Waffen“ zu haben zusammenhängt, die Bedeutsamkeit, die dem Geburtsprozess einen tiefen inneren Sinn zuschreibt.

Alle diese Faktoren sind schwach entwickelt in unserer Gesellschaft und es bräuchte richtige Geburtsschulen, um dieses Defizit wieder auszugleichen.

Während die neuesten neurophysiologischen Forschungen entdecken, dass der Mensch auf Beziehungen und soziales Verhalten programmiert ist (social brain, Golemann), werden diese menschlichen Potenziale immer mehr unterdrückt.

Die Hebammenarbeit, wenn sie im Sinne verstanden wird, die Frau zu ihrem Körper und ihren biologischen Kompetenzen zurückzuführen, kann die Reaktionsfähigkeit nur fördern. Hebammenbegleitung von Anfang an stärkt die Frauen.

Vielleicht ist es deshalb so schwierig, dass Hebammenarbeit politisch und sozial anerkannt und gewertet wird.

 

VON ANFANG AN

Warum ist die Schwangerschaftsbetreuung durch Hebammen wesentlich?

Wir kennen das grundsätzliche Bedürfnis der Frauen, eine Bezugsperson durch die ganze Zeit des Mutterwerdens zu haben, der sie vertrauen, sich anvertrauen können. Wir können es jetzt auch besser verstehen, wenn wir an den Öffnungsprozess (Kampf) denken.

Aber es gibt noch mehr Gründe:

Die Primalzeit von der Zeugung bis zum ersten Lebensjahr ist prägend für das ganze Leben.

Die Person, die zur Welt kommt, wird gebildet im Körper, im Gehirn, in der Psyche durch das, was sie erlebt in dieser Zeit. Alles was danach kommt, geht von diesem ersten Imprinting aus. Die Art gesund zu sein oder krank zu werden, die Tolleranzschwelle für Stress, die Stressreaktionen, die Art in Beziehungen zu gehen, die Art die Sexualität zu erleben, der Grad, Befriedigung erreichen zu können, die Art mit dem Leben und den Anderen umzugehen, alles wird in dieser Primalzeit eingependelt.

In der Physiologie heisst das System, das alle Körpersysteme reguliert und die Oszillationen in den körperlichen Polaritäten einpendelt „Primäres Anpassungssystem“ modern übersetzt: „Psycho-neuro–endokrino-immunologie (PNEI). In einer physiologischen Entwicklung entsteht ein Dialog zwischen diesen vier Untersystemen, der harmonisch fliesst und das ganze Reaktionssystem des Körpers leitet. Wenn die Mutter während der Schwangerschaft Distress erleidet, das heisst unter chronischer Spannung steht, wenn Mutter und Kind einem Distress während der Geburt ausgesetzt sind, wenn in den ersten 4 bis 9 Monaten Distress durch Trennung von Mutter und Kind, durch mangelndes Stillen, zu frühes Entwöhnen, Medikamente und Impfungen, mangelnde Beziehung usw.  entsteht, dann steigen die Kortisolspiegel im Körper des Kindes und hemmen die Reaktionsfähigkeit seines primären Adaptationssystems (Odent, Bottaccioli, Gerhardt, Relier). Wenn die Kortisolspiegel nicht bis zum vierten – sechsten Lebensmonat Richtung Entspannung  geregelt werden, bleiben sie hoch für immer. Das heisst, dass die Tolleranzschwelle für Stresserfahrungen für das ganze Leben niedriger ist als in einem gesunden Kind. Mit anderen Worten, diese Kinder überreagieren leicht, sowohl im Verhalten als auch körperlich, man denke nur an die häufigen Allergien und Verhaltensstörungen.

Relier zum Beispiel hat gezeigt wie Kinder, die unter Stress in der Schwangerschaft gelitten haben, als  Neugeborene häufiger an Schlafstörungen, Herausgeben, Erbrechen oder Schwierigkeiten mit der Ernährung, Erregung leiden als Kinder von distress-freien Schwangerschaften, dass sie fast viermal häufiger krank werden, dass die Frühgeburten bis 4 mal höher, problematische Geburten mehr als das Doppelte sind. Er deutet sogar den Verdacht an, dass eine stressvolle Schwangerschaft am Ursprung der Schizophrenie sein könnte. Man weiss heute auch, dass das Kortisol das Wachstum des Kindes hemmt und dadurch das Risiko von Kreislaufkrankheiten im erwachsenen Alter erhöht, die neuronale Synapsen hemmen kann, die Produktion von CRH im Erwachsenen erhöht, sodass der Amigdala , Zentrum der Gefühle, leichter erregt wird, mehr Energie verbraucht, was zum Kollaps des Kampf-Flucht Systems führen kann, mit Krankheiten, Unfälle, oder Burn – outs.

Bottaccioli zeigt, wie vierjährige Kinder, die in stressreichen Familien aufwachsen, nur dann einen permanent höheren Kortisolspiegel zeigen, wenn sie in der Primalzeit unter Distress gelitten hatten. Diejenigen Kinder, die in der Primalzeit gute Betreuung erfahren haben, ohne Distress, reagieren in der gleichen Situation mit tieferen Kortisolspiegeln.

Rapisardi beschreibt wie Kinder die in den ersten zwei Stunden nach der Geburt von der Mutter getrennt wurden, noch nach zwei Jahren höhere Kortisolspiegel hatten als Kinder, die von der Mutter empfangen und gehalten wurden. Frühzeitige Trennung steigert die CRH releasing factors in der Amigdala, Zentrum von Gefühlen der Angst und Wut, so ist es denkbar, dass Angst fixiert wird.

Die Gerhardt beschreibt wie die hohen Kortisolspiegel, die durch Distress in der Perinatalzeit entstehen, auf permanente Art die neuroendokrine Modulation der Stressregulierung zum Entgleisen bringen können. Die Regulierung der Achse Hypotalamus – Nebenniere, die zentralen Rezeptoren für die glukokortikoiden Hormone in der Amigdala, im Hypokampus, in der prefrontalen Region, die Rezeptoren für das CRH und das AVP (arginino- vasopressin) im paraventrikolaren hypothalamischen Nukleus sind dabei betroffen. Das bedeutet eine Veränderung der emotiven, neuroendocrinen, immunologischen und psychologischen Antworten, des reaktiven Verhaltens, in anderen Worten der ganzen Person. Diese  zentralen Strukturen regulieren unser emotionales und soziales Verhalten. Das erste Lebensjahr ist die Zeit, wo diese Modulation festgelegt und die Fähigkeit der Eigenregulation eingependelt wird.

 

Hohe Kortisolspiegel können  im Erwachsenenalter zu folgenden Störungen führen:

 

  • Emotionalen und psychischen Disfunktionen
  • Depression
  • Angstzustände
  • Suizidgedanken
  • Untergeordnetes Verhalten, passive Adaptation
  • Essstörungen
  • Alkoholismus
  • Übergewichtigkeit
  • Sexueller Missbrauch (als Täter und als Opfer)
  • Schwinden von Muskelmasse
  • Osteoporose
  • Hyperinsulinismus
  • Diabetes
  • Kreislaufkrankheiten
  • Tumoren

 

Auch das mütterliche Verhalten, vor allem das Betreuungsverhalten hat einen einschneidenden Einfluss auf die Regulierung und Ausbildung der zentralen Strukturen. Das Baby ist noch nicht fähig, eigenständig den Stress abzubauen. Die Mutter macht das für es über die andauernde biologische Symbiose mit ihrem Kind.

Shore zeigt, wie die Synapsen in der rechten Hirnhälfte, die ja im Neugeborenen dominant ist, durch die Beziehung mit der rechten Hirnhälfte der Mutter, also mit ihrer kreativen, emotionalen Seite, gebildet werden. Das Kind ist ein interaktives Subjekt, nicht ein eigenständiges Wesen. Es entwickelt sich durch Beziehung. Ein Kind mit sicherem Bonding produziert weniger Kortisol als ein Kind mit unsicherem Bonding. Schlüsselfaktor für unsicheres Bonding ist ein mangelndes Vertrauen in die emotionale Disposition anderer und in ihre Unterstützung (Sue Gerhardt). Umgekehrt senkt eine sichere Beziehung den Kortisolspiegel. Die Kampf-Flucht Reaktionen des Kindes werden durch die Mutter reguliert, sowohl durch ihren Körper, als auch durch ihr Verhalten und ihre Emotionen. Die Fähigkeit, den Stress regulieren zu können, ist der Endpunkt von der Fähigkeit der emotionalen Regulierung (Gerhardt).

Die Mutter-Kind Beziehung ist also zentral für eine gesunde Entwicklung des Kindes. Viel davon spielt sich in der Schwangerschaft ab. Dort werden die Grundsteine für die innere Kommunikation zwischen Mutter und Kind, Vater-Mutter-Kind und für das Wochenbett gelegt. Nachholen ist immer schwieriger als vorbeugen.

In der Primalzeit wird das soziale Hirn ausgebildet, das die Art, wie wir in der Familie und in der Gesellschaft stehen, bestimmt. Die Unterstützung der Hebamme in dieser kritischen Phase ist  primäre Prävention. Die Kosten von disfunktionalen Familien sind sehr hoch  für eine Gesellschaft.

 

Die physiologischen Prozesse haben soziale Konsequenzen. Deshalb ist auch die soziale Adaptation wichtig. Sie läuft über die kognitiven Wege im grösseren Kind oder Jugendlichen, über Verhaltensrhythmen und Erfahrungen im Kleinkind. Antonowskys Kohärenzgefühl dient als gutes theoretisches Modell, die soziale Anpassung zu verstehen. Gleich wie in der physiologischen Anpassung übernimmt die Mutter und etwas später die anderen Bezugspersonen vom Kind die Funktion der Regulierung. Sie bestimmt  das soziale Umfeld und Verhalten des Kindes, gibt ihm Normen und Regeln, Raum und Grenzen.

Die Mutter, die diese wesentlichen Aufgaben und Kompetenzen hat, war auch einmal ein kleines Kind, mit ihrem eigenen Imprinting der Primalzeit. Ihre Tolleranzschwelle für Stress und emotionale Antworten kann höher oder tiefer sein, je nach ihrer perinatalen Erfahrung.

Um ihren Aufgaben gerecht werden zu können, braucht sie Hilfe und Unterstützung. Je tiefer ihre Tolleranzstelle liegt, je mehr Halt und geborgene Beziehung braucht sie. Dafür sind Hebammen da. Aber heute geschieht eben das Umgekehrte: je tiefer die Reaktionsfähigkeit, je mehr flieht die Frau in eine Welt der leeren Versprechen und übergibt sich einer autoritären „Sicherheitsperson“, die für sie entscheidet.

 

Die Ressourcen

Das neue Wissen um die Langzeitwirkungen der Primalzeit lässt uns nach den Ressourcen fragen. Können die frühzeitigen Schäden irgendwie wieder aufgelöst werden?

Die Meinungen sind widersprüchlich: einige Autoren meinen „nein“,  nicht im Wesentlichen (Antonowsky, Odent), andere geben Möglichkeiten an, die Kortisolspiegel zu senken, zum Beispiel durch Meditation, Entspannung, Körperarbeit (Chopra) Kreativität, die Entwicklung neuer Kompetenzen (Lorenz). Andere sagen, dass die Probleme ins Bewusstsein gebracht und so erarbeitet werden können, dass neue emotionale Muster erlernt werden können, dass aber die Grundmuster bleiben (Golemann). Was es sicher braucht, ist viel Zeit, Arbeit und Aufmerksamkeit. Die Spontaneität der Reaktionen und die ganze Tiefe sind schwierig wieder zu erlangen.

Was ich als Hebamme beobachtet habe ist, dass während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit, aber auch in der Zeit des Klimakteriums, also in einem Moment, wo die hormonellen Gleichgewichte durcheinander kommen und neu organisiert werden, eine grosse Chance für die Frauen besteht, auch physiologisch und psychisch wieder neu zu werden. Durch das ganzheitliche Geburtserlebnis können viele alte Lasten und Spannungen von der Amigdala usw. abgeladen werden und durch die starke hormonelle Ladung von Antistress – Hormonen wie Oxytocin und Endorfine können die Frauen definitiv zu ihrer potentiellen Kraft kommen.

Aber das ist nur möglich, wenn ihre biologischen Ressourcen vom ersten Moment der Schwangerschaft an angeregt werden, wenn sie eine natürliche Geburt mit physiologischem Wehenschmerz haben und wenn sie lange stillen.

In unserer Gesellschaft werden die Frauen genau in diesen Prozessen gehemmt, deshalb sehe ich die Wichtigkeit des Hebammenberufes darin, die Frau zu betreuen und zu stärken von Anfang an und durch das ganze erste Jahr mit dem Kleinkind. Es gibt keine andere Berufsperson die ganzheitliche Kompetenzen für Mutter und Kind von der Schwangerschaft bis zum Ende des Stillens (möglichst bis zu zirka 2 Jahren) hat.

Die Frauen sind ohne uns Hebammen allein, ausgesetzt, häufig nicht in der Lage den grossen Ansprüchen der wichtigen Arbeit der Mutter gerecht zu werden. Wenn wir nicht da sind für sie, für alle Frauen, dann dürfen wir uns nicht wundern über die Perversionen der Geburtshilfe und des Reproduktionprozesses.

 

Modell

Nun welche Kompetenzen für die Hebammen, die Frauen wollen wir fördern? Welches Betreuungsmodell wählen?

Ich glaube dass heute wir Hebammen uns entscheiden müssen ob wir uns nur auf den Kreissaal konzentrieren wollen und die Betreuung der Frauen in der Zeit vor und nach der Geburt den Ärzten, den Doulas, den Erzieherinnen, den Krankenschwestern, den Psychologen, den Physiotherapisten überlassen wollen, oder ob wir darauf hinarbeiten wollen, wieder ganz da zu sein für die Frauen, indem wir neue Betreuungsmodelle und Arbeitsorganisationen ausdenken.

Zur kontinuierlichen Betreuung braucht die Hebamme einerseits viele Kompetenzen in der Beziehung, im Zuhören und im Problemlösen (problem solving), in der Körperarbeit, in Antistress- und Entspannungs-Techniken, andererseits klinische Kriterien, die auf der Salutogenese beruhen und nicht auf dem medizinischen Modell. In einer persönlichen, auf das Individuum abgestimmten Betreuung, in der die Frau und ihr Mann im Zentrum stehen, gibt es keinen Raum für Protokolle und Routinemassnahmen. Jede Situation muss mit den vorhandenen Ressourcen konfrontiert werden und die Hebamme braucht Werkzeuge, um auf einer nicht medizinischen Ebene diese Ressourcen fördern zu können. Dazu braucht sie Zeit, Orte, wo sie die Salutogenese pflegen kann in Kursen und Gruppen, neue theoretische und praktische Instrumente.

 

Ich schlage hier ein Schema vor für ein neues Betreuungsmodell, das auf der Salutogenese gründet:

Im Zentrum steht das Modell der Midwifery mit seinen vier Schlüsselpunkten:

Die Frau im Zentrum (woman Centred care)

Informierte Entscheidungen (Reaktivität) (Choice)

Individuelle Betreuung (therapeutische Beziehung Hebamme – Frau) (Control of woman)

Kontinuität der Betreuung durch Schwangerschaft, Geburt und das erste Jahr danach (Continuity)

 

Die Instrumente dazu gründen auf der physiologischen und sozialen Adaptation.

 

DIE PHYSIOLOGISCHE ADAPTATION

 

DIE SOZIALE ADAPTATION
Erziehung zur Salutogenese (Gruppen)

 

Analyse der kulturellen Geschichte der Frau und der Geburtshilfe (Entkonditionierung), positive Kommunikation und Projektionen

 

Die biologischen Ressourcen

 

Psychische und sozio-kulturelle Ressourcen

 

Die physiologischen Adaptationssysteme mit ihrer instinktive Reaktivität

 

Gesellschaftliche Systeme der Adaptation, Coping, Kohärenzsinn

 

Körperempfindung und Nähe, Intuition

 

Orientierung, Wissen

 

Hormonflüsse (Einheit Person-Umgebung)

 

Lebensstil, Verhalten (aktiv, passiv), Ausdruck

 

Rhythmische Funktionen der physiologischen Systeme

 

Rhythmische Modulation des Verhaltens (Spannung – Entspannung)

 

Dreidimensionale Beobachtung (Körper, Verhalten/Umgebung, Emotionen/Beziehungen)

 

Beobachtung der Faktoren des Kohärenzsinnes
Die Stützpfeiler der Gesundheit (harmonische Dynamik der endokrinen, neurovegetativen und fötus-plazentaren Systeme)

 

Beziehungen, Kommunikation, (sich ausdrücken), aktive Mutter-Kind Beziehung

 

Biologische Grundlage der  Bindung durch die Bindungshormone

 

Aktive, bewusste Bindung (Attachment) als Grundlage für Beziehungen und soziales Verhalten

 

Biologische Mutter-Kind Einheit bis zum ersten Lebensjahr (Stillzeit)

 

Subjektivität von Mutter und Kind als Personen von der Zeugung an

 

Körperliche und emotionale Unterstützung

 

 

Praktische und verteidigende Unterstützung und Beschützen der Umgebung

 

 

Diese Punkte sind Inhalt der Betreuung und der salutogenetischen Erziehung durch die Hebamme.

Die Hebamme ist die Person, die Instrumente für diese Art Betreuung entwickeln und so zur Gesundheit von Mutter, Kind und Familie wesentlich beitragen kann.

 

HEBAMMEN FÖRDERN FRAUEN,

DIE GESELLSCHAFT SOLLTE HEBAMMEN UND MÜTTER FÖRDERN.

 

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Literatur

A. Antonowsky, Salutogenese: zur Entmystifizierung der Gesundheit, dgvt Verlag, Tuebingen, 1997

F. Bottaccioli, Psiconeuroimmunologia, Red ed. 1995

J. Bowlby, A secure base, Routledge, London, 1988

D. Chopra, Quantum healing, Bantam Books, 1989

S. Gerhardt, Why love matters, how affection shapes a baby’s brain, ,Routledge, London – New York 2004 (Warum Elternliebe wichtig ist)

D. Golemann, Emotional Intelligence,

R. Lorenz, Salutogenese: grundwissen fuer Psychologen, mediziner, Gesundheits- und Pflegewissenschaftler, Reinhardt Verlag, Muenchen Basel, 2005

M.Odent, Von Geburt an gesund,  Koesel verlag, Muenchen 1989

M. Odent, The scientification of love, Free Ass. Books limited, London 1999

G.Rapisardi, Il neonato e i suoi bisogni, in „Onorare la madre“, p. 48-51, Quaderni di D&D n. 1, dic. 2006, Firenze

W.Reich, Die Funktion des Orgasmus, 1942

JP Relier, L’aimer avant qu’il naisse, ed. Robert Laffont, paris 1993

A. Rockenschaub, Gebaeren ohne Aberglauben: Fibel und Plaedoyer fuer die Hebammenkunst, Facultas Univ. Verlag Wien 2001

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S. Taylor, The tending Instinct, Times Book, Henry Holt and Comp. New York, 2002

One thought on “Hebammen fordern Gesundheit von Anfang an

  1. Hallo Verena,
    gerade habe ich deinen Artikel über die Hebammen gelesen. Besonders interessant finde ich den Aspekt, über den ich auch schon immer wieder nachgedacht habe, dass Hebammen ja auch Frauen sind und im gleichen Dilemma stecken. Es ist ein Thema, das mich im Bezug auf die Masterarbeit beschäftigt. Ich habe zwar schon Barbara Duden gefragt, ob sie mich eventuell bei der Masterarbeit begleiten würde, aber sie hüllt sich (momentan) in Schweigen.
    Ich würde gerne mit der Masterarbeit an die Fallbesprechung anknüpfen oder sie einbauen oder wie auch immer. Aber ich muss gestehen mir fehlt noch die zündende Idee für eine Forschungsfrage.
    Ganz herzliche Grüße Birgit

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