Die hormonelle Homöostase

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Von Silke Weyreter, Hebamme

Definition: „Homöostase [grch.] die, der durch physiolog. Kreisprozesse erzielte Gleichgewichtszustand der Organismen, der zur Erhaltung des Daseins erforderlich ist.“ (Brockhaus Kompaktwissen von A-Z, 1983, Wiesbaden, Bd. 2, S.300)

Der menschliche Organismus ist mit seinen Anpassungssystemen (Hormonsystem, Immunsystem, vegetatives Nervensystem, Emotionales System) auf physiologische Harmonie und damit Gesunderhaltung ausgerichtet. Die Systeme beeinflussen sich dabei gegenseitig und tragen ihren Teil untereinander, aber auch jeweils in sich zur Homöostase bei.

Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit verdienen für die Betrachtung der hormonellen Homöostase ein besonderes Augenmerk. In der Hebammenarbeit geht es dabei um die Beeinflussung bzw. Handhabung von zum Disstress beitragender von außen und von innen wirkender Reize. Das Fließgleichgewicht der Hormone lässt sich auf körperlicher Ebene, auf der Verhaltensebene und auf der Emotions-Beziehungs-Ebene beobachten und beeinflussen, wobei eine strikte Trennung nie möglich ist, da wie die Hormone selbst, die Ebenen jeweils aufeinander einwirken.

A) Körperliche Ebene

Hormone beeinflussen alle unsere inneren physiologischen Prozesse und umgekehrt.

Ob und wie Hormone sich als Paare (z.B. Östrogen-Progesteron), als Familien (z.B. Katecholamine) und auch Großfamilien (Eiweiß- und Steroidhormone) in ihrer Wirkung ausbalancieren, unterliegt ihrer Rhythmizität. Vereinfacht kann gesagt werden, dass der Hypothalamus den Tagesrhythmus, die Epiphyse den Tag-Nacht-Rhythmus, die Eierstöcke z.B. den monatlichen Zyklus steuern. Primäre (natürliche) und sekundäre (vom Lebensrhythmus bestimmte) Synchronisatoren spielen dabei eine wesentliche Rolle.

  • Die Erhaltung eines geregelten Tag-Nacht-Rhythmus kann sich positiv auf die Homöostase auswirken.
  • Ausgewogene, vollwertige Ernährung könnte ein Synchronisator sein, um die hormonell gesteuerten Stoffwechselprozesse zu stabilisieren.
  • Gezielte Körperarbeit (z.B. Übungen zur Atmung, Verwurzelungsübungen, dynamische KÜ, Tanz) vertieft grundsätzlich alle physiologischen Rhythmen, die der Hormone im Speziellen.

B) Verhaltensebene

Hormone beeinflussen unser Verhalten und umgekehrt. Die hormonelle Homöostase hängt demnach auch von den Verhaltensregulatorien der jeweiligen Person ab. Die Fähigkeit, sich instinktiv im Verhalten unterschiedlichen Situationen und Reizen anzupassen und/oder aktiv zu handeln (coping) wird genauso über die Hormone beeinflusst wie die direktwirkenden körperlichen Vorgänge. Dabei initiieren vornehmlich Aktionendes Primärhirns und der rechten Gehirnhälfte das instinktive Verhalten.

In Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt spielt die Regulation des mütterlichen Kampf-Flucht-Systems und dem daraus resultierenden Verhaltenscodex eine entscheidende Rolle, um auch dem Un- und Neugeborenen Schutz zu gewähren. Je weniger Vertrauen in das individuelle instinktive Verhaltensrepertoire gesetzt wird, umso eher entstehen Verunsicherungen und Ängste und demzufolge Stressreaktionen mit ihren hormonellen Auswirkungen.

  • Die Förderung des Vertrauens in die instinktiven Fähigkeiten geschieht über Wissensvermittlung, über Positiv-Bewertung und Anregung der rechten Gehirnhälfte, z.B. über kreatives Tun wie malen, gärtnern.
  • Die Synchronisation der beiden Gehirnhälften über spezielle (z.B. Überkreuz-) Übungen, Tanz – binden die Funktionen der rechten Gehirnhälfte in den gesamthomöostatischen Prozess ein.
  • Ein am Weg der Frau orientierter Problemlösungsprozess unterstützt die Vertrauensbildung in das Eigene.

Anspannung und Entspannung im kontinuierlichen Wechsel sind aussagekräftige Faktoren der Hormonwirkung. Jedes Übermaß an Anspannungsphasen führt zu Stressreaktionen (Abwehr- und Anpassungssystem: Vasopressin-Oxytocin-CRF).

  • Förderung der Entspannungsphasen durch gezielte Körperbehandlungen, auch Entspannungsübungen dienen der Stressreduktion (Cortisol â).

C) Emotionale und Beziehungsebene

Hormone beeinflussen unsere Gefühle und umgekehrt. In der Schwangerschaft und darüber hinaus erfährt der Organismus eine neue Dimension der Wechselwirkung zwischen den Hormonen. Sie wird erweitert durch das Hormonsystem der feto-plazentaren Einheit, mit der sich das Kind in Beziehung zur Mutter setzt. Die Emotionalität der Bindung und Fürsorge werden konkret und durch die hormonelle Situation unterstützt und widergespiegelt.

Emotionale Belastungen, wie unterschiedlich sie auch immer auf die einzelne Frau einwirken, können die Homöostase ins Wanken bringen. Die Unfähigkeit oder Unmöglichkeit des sich Mitteilens verstärken emotionale Blockaden und lösen hormonelle Ungleichgewichte aus. In der therapeutischen Beziehung kann demzufolge eine positive Beeinflussung erfolgen über:

  • emotionale Öffnung erfahren, sich angenommen fühlen, gehört werden, Austausch in der Gruppe (Östrogenwirkung)
  • Entspannung, Ruhe, physiologischer Wechsel von Aktivität und Passivität, aktives Zuhören, Zeit (Progesteronwirkung, Endorphinwirkung)
  • Sexualität, Verbindung mit dem Partner, Freude aufs Kind, Singen (Oxytocinwirkung, Endorphinwirkung)
  • Berührung, Massagen (Prolaktinwirkung)

Literatur:

Schmid, V. (2011). Schwangerschaft, Geburt und Mutterwerden. Hannover: Elwin Staude Verlag

Schmid, V. (2011). Die Sprache der Hormone verstehen lernen in: Deutsche Hebammenzeitung 10/ 2011, S. 6-10

Rockenschaub, A. (2005). Gebären ohne Aberglauben. Wien: Facultas Universitätsverlag

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